… Gerichts-Mitarb. (1. Ausb.)

Einblick in „Justitia´s Welt“ & eventuell hilfreiche Implikationen auch für Nicht-MitarbeiterInnen und Erfahrene im Thema
von Christine Schüren (1. Ausbildung an einem Amtsgericht 1988-1990)
Dipl.Soz.Päd. & -Soz.Arb. (FH), Seminarleiterin, Autorin, sensitive Heilerin, Justizang.

Liebe Gäste,

hier habe ich mir einige Gedanken gemacht in Bezug auf meine erste Ausbildung zur Justizangestellten – meinem ersten beruflichen Leben, das ich in freier Entscheidung bis über das Ende meiner Ausbildung hinaus verfolgte, insgesamt vier Jahre mit dann freiwilligem Lösen eines Einstellungsvertrags -, über Inhalte und Erfahrungswerte auch im Hinblick ethischer Gesichtspunkte innerhalb der von mir so erfahrbaren „Justizwelt“, bei Wahrung des Dienstgeheimnisses selbstverständlich. Auch gehe ich ein auf die Kunst, eine Akte zu lesen und etwas für sie zu schreiben – welche Art von Verzerrungen es dabei geben kann, wie fatal die Auswirkungen für eine Person sein kann, wenn etwas Falsches oder Verzerrtes notiert wird und wie das Risiko minierbar ist. Das scheint wenig interessant unter Umständen – wenn man aber bedenkt, dass jede Person in die Lage kommen kann, dass eine Akte über sie ihren Werdegang beeinflusst, so zum Beispiel, wenn jemand in eine hilflose Position gerät von Krankheit oder Behinderung bzw. zunehmendem Alter, könnte gewisse Erfahrenheit hilfreich sein.

Justitia, über Gerechtigkeit wachen sei ihre Aufgabe. - Wegschauen? Nein danke.
Justitia, über Gerechtigkeit wachen sei ihre Aufgabe. – Wegschauen? Nein danke.

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Beginn in der Justiz & wie sich Näheres entwickelte …

Nach Besuch des Gymnasiums und der Höheren Handelsschule, dort mit Abschluss des Fachabiturs Wirtschaft, das mit abgeschlossener Ausbildung zum „vollen Fachabitur“ gleichzeitig wurde und mir so die Eingangsvoraussetzung für  mein späteres Studium ebnete, absolvierte ich von 1988-1990 zunächst eine Ausbildung zur Justizangestellten an einem westfälischen Amtsgericht. 1990 schloss ich sie mit Prüfung vor dem  Amtsgericht Münster erfolgreich ab.
Aufgrund der Voraussetzung des Fachabiturs hatte ich eine verkürzte Lehrzeit von zwei statt drei Jahren. So lernte ich innert zwei Jahren das Pensum, welches die anderen Auszubildenden in drei Jahren lernten.
Die Ausbildung „Justizangestellte“ war derzeit in der Art nur in Nordrhein-Westfalen ermöglichbar, sagte uns unser Ausbilder zu Anfang. Er hatte sozusagen Obhut über uns, war für alle Angelegenheiten zuständig, unterrichtete intern ect.

Die Ausbildung war vom nordrhein-westfälischen Justizministerium beauftragt worden mit dem Anliegen, in bestimmtem Fachwissen – Recht, justizrelevante Erfahrenheit – innerhalb der Justiz Personen ausbilden zu lassen, die tiefer kundig in allen gerichtswichtigen Bereichen werden und mit gutem Rechtswissen, dies vor allem, ausgestattet sein sollten: Da infolge des Fehlens oder Mangelns gerichts- und rechtsrelevanter Kenntnissen wie jene, die über Jahre intensiv gelernt wurden, bei Personen, die als „Justizangestellte“ gearbeitet hätten, öfter qualitativ gute Arbeit nicht möglich gewesen sei, solle mehr Erfahrenheit einkehren. Das nötige, dabei juristisch massgebliche Wissen sei elementar. Daher sei diese Ausbildung, in deren Genuss wir nun kommen könnten, frisch konzipiert worden. Bis dahin hatten offenbar meist oder immer  Personen, die an Gerichten als „Justizangestellte“ arbeiteten, als Eingangsvoraussetzung den Beruf der Verwaltungsfachangestellten (weiblich oder männlich natürlich) – Ausbildungen, die sich aufs Verwaltungswissen bezogen im Vergleich zur Ausbildung Justizangestellte in bestimmten Bereichen überlappen, jedoch keine justizspezifischen Kenntnisse enthält.
Nun sollten also in handfestem Rechtswissen Personen als Fachleute an den Gerichten und dort zuständig für den Ablauf, Organisation, schreibende Tätigkeit wie Protokollieren von Gerichtsverhandlungen, Gerichtsbereiche betreuen in der Verwaltungsebene – etwas sekretärinnenhaft vom Organisatorischen her, aber eben mit einem grossen Schwerpunkt auf Rechtswissen und Beweglichkeit in dessen Anwendung.

Ein halbes Jurastudium war es schliesslich, ich lernte intensiv Gesetze, wie später im Studium Sozialwesen und dort nochmal mit teils  anderer Gewichtung der Gesetze. Das BGB und Strafgesetzbuch waren die am meisten gelernten Gesetzbücher. – Wenn ich es mit meinem späteren Studium vergleiche, so war das dort zu lernende Wissen mindestens genauso gehaltvoll, wenngleich es für Diplom-Sozialpädagoginnen & -Sozialarbeiterinnen (FH) eher um die Anwendung von Rechtswissen ging und es noch mehr fallorientiert war. Die FH Kiel, an diesem Punkt gesagt und an der ich später studierte, würde bundesweit einen der grössten Anteile an Verwaltungsrecht (neben Jugendhilfe- & Sozialrecht) in diesem Studiengang unterrichten. Der Gehalt in der Justizangestellten-Ausbildung erschien mir im Grunde fast gleich-wertig, von der Intensität in Bezug auf Gerichte und Gerichtsbarkeiten, BGB und Strafgesetzbuch-Inhalte sowie Betreuungsrecht sogar noch intensiver, dichter im Lehrstoff.

So wurde also mit der Ausbildung zur Justizangestellen in der Art und für uns greifend 1988 ein neues Berufsbild kreiert, federführend für die Umsetzung der Ausbildungsrichtlinien war das Oberlandesgericht Hamm. Schulung innerhalb des Gerichts, an dem ich die Ausbildung absolvierte, war neben dem systematischen Durchlaufen aller Gerichtsabteilungen Inhalt – zunächst fast jeden Nachmittag, dann mit mehreren Stunden in der Woche, u.a. lernten wir dort Steno, was das „Zeug hielt“, die mysteriöse Geheimschrift, mit der man Protokolle über Gerichtsverhandlungen erstellte oder rechtskräftige Urteile und Beschlüsse von Richtern aufnahm, meist vom Direktor des Amtsgerichts – und Unterricht ganztägig an zwei Tagen in der Woche in einer Berufsschule in Münster/Westfalen.

Ich kann, verglichen mit meinem späteren Studium Sozialwesen, sagen, dass es durchaus herausfordernd in Komplexität und Inhalt und dabei keinesfalls einfach war, was an Lehrstoff zu lernen war. Keinesfalls war diese Ausbildung „mit links“ zu machen. Wenn ich so sagen darf, war ich ja Absolventin mit einem „höherwertigen Schulabschluss“ – ich schaffte die Ausbildung, recht gut, aber das zu lernende Pensum und die Inhalte waren reichlich und setzten ein sehr gutes Gedächtnis und eine hohe Belastbarkeit in jeder Hinsicht voraus. Was ich heute als Autorin nutzen darf, ist, dass ich so schnell schreiben lernte und zunächst auf einer mechanischen Schreibmaschine, wie ich denke – das ist wunderbar.

Jede Person in Ausbildung durchlief in der Praxis je zwei Monate in jeder Abteilung des Amtsgerichts, eine dort arbeitende Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter leitete je eine Person an und erklärte also alles Wichtige an Theorie und Praktischem.

Inhalte in der Ausbildung waren unter anderem: Kenntnis über die Struktur der Gerichte bzw. Gerichtsbarkeiten (alle Instanzen und verbundene Möglichkeiten, also vom Amtsgericht bis BGH, Revisions- und Berufsverfahren und „Werkzeuge“ bzw. Voraussetzungen, Abläufe, Fristen ect., gerichtsbezogene Kenntnisse des Amtsgerichts, an dem ich lernte), Rechtswissen (Gesetze von „A-Z“, vorwiegend Zivil- und Strafrecht, alle anderen Rechtsbereiche, die für Amtsgerichte relevant sind – „Lösen von Fällen“ gehörte zum guten Teil dazu, also das umgesetzte Anwenden von Rechtswissen), Stenographie und Typographie (damals auf der Schreibmaschine mit noch 6 Durchschlägen, in einer Zeit, bevor elektronische Schreibmaschinen und erst später PC´s aufkamen).

Hatte ich die zwei Jahre vorher mit dem Lernen von Wirtschaftswissen auf der Höheren Handelsschule verbracht und Rechnungswesen und BWL gelernt, bis der Kopf „qualmte“, wurde es nun eine Gewichtung zu Recht und dem Justizsektor. Beides war eine intensive Zeit, die viel Disziplin sowohl voraussetzte als auch mit sich brachte. Ich glaube, mir würde Vieles heute schwerer fallen, wenn ich nicht in so jungen Jahren ohne Frage, wie es einem gehe, intensiv in Schule und Ausbildung gelernt hätte. In der Umgebung arbeiteten alle intensiv und regelmässig, egal ob es einem gutging oder nicht.

Im Gericht durchlief ich alle Abteilungen, was auch zeitweilige Teilnahme an bzw. Anwesenheit bei Gerichtsverhandlungen in Zivil- und Strafverfahren oder Terminen wie zur Abnahme der Eidesstattlichen Versicherung beinhaltete:

  • Abteilung für Zivilprozess-Sachen,
  • Familiensachen,
  • Straf- und Bussgeldsachen,
  • Mahn- und Vollstreckungsabteilung (in der z.B. auch Eidesstattliche Versicherungen abgegeben wurden von kommenden Personen),
  • Vormundschaftsabteilung (ab 1992 wurde sie bundesweit in „Betreuungsabteilung“ umbenannt) einschliesslich Unterbringungssachen,
  • Grundbuchamt,
  • Nachlassabteilung,
  • Abteilung für Registersachen.

In der Berufsschule war neben einem grossen Teil Recht als Lehre im Fach Deutsch Inhalt, einen Text von je 30-45 Minuten Länge, der uns vorgelesen wurde, möglichst wortgetreu – ohne nur inhaltliche Zusammenfassung – möglichst exakt wiederholen können zu sollen. Dabei gab es Gelegenheit, da es wirklich herausfordernd war, diese Fülle zu bewerkstelligen, eine Art fotographisch-akustisches „Gedächtnis“ zu entwickeln. Aus heutiger Sicht meine ich, dass ohne gut entwickelte Intuition ein Behalten von Texten in derlei Länge, mit zahlreichen Details gespickt, nicht behaltbar sei. Glücklicherweise erkannte ich hierin eine meiner Stärken.
„Sie da“, sagte einmal der Deutsch-Lehrer am Anfang des So-Lernens, seinen Namen erinnere ich leider nicht mehr, „Sie sehen so gelehrt aus, Sie können es bestimmt“. Meint er es wirklich so oder im Scherz? Hm. Auf jeden Fall war ich „dran“. So kam ich in den „Genuss“ des Wiederholenkönnens des langen Textes zum ersten Mal – und dann oft, wie wir alle natürlich.

Ziel des So-Lernens war, zum Protokollieren von Gerichtsverhandlungen und zur  Aufnahme von Urteilen und Beschlüssen beim Direktor des Amtsgerichts befähigen zu wollen, Teil: in langen Gerichtsverhandlungen komplexe Inhalte – auch wenn mehrere Personen schnell nacheinander sprechen mögen – möglichst detailliert behalten und in Steno auf einen Block (handschriftlich also mit der Kürzelschrift „Stenographie“) aufzuschreiben war Anliegen.
Dies – Steno zu lernen – ist meines Wissens in den letzten Jahren kein Inhalt der Praxis mehr. Es gibt heute den Beruf der „Justizfachangestellten“ in vielen, wenn nicht gar allen Bundesländern, er ist auf die Bedürfnisse und Erfordernisse der Gerichtswelt je angepasst und natürlich auf die technische Ausstattung: Wir hatten ja bis 1990 noch keinen PC an den Gerichten, in Gerichtsverhandlungen konnte man nicht – wegen der Lautstärke unmöglich allein – das Gesagte zum Protokollieren einfach über die Schreibmaschine aufnehmen. Heute gehen Personen zum Protokollieren mit einem Laptop in die Verhandlungen und schreiben direkt mit. Wir mussten damals alles per Hand in Steno auf den Block schreiben – oft viele Seiten lang – und danach oft mühselig den Inhalt der „Geheimschrift“ auf die Schreibmaschine übertragen. Wieviel Mühe- und Zeitersparnis ist heute möglich – ein Laptop. Gott, davon hätte ich damals geträumt, hätte es schon welche gegeben. Aber damals war noch eher die Zeit der ersten HTML-Programmierungen, man musste, wie unser BWL-Lehrer an der Höheren Handelsschule einmal scherzhaft sagte, noch die Löcher in die Lochkarte beissen. (Den Witz versteht, wer noch Lochkarten kennt im Zusammenhang mit PC´s 🙂 ).

Ja, Steno war abenteuerlich. Man warnte uns davor, aufgrund der nur-Dann-Lesbarkeit nur die gelernten Kürzel der universell von uns allen – sieben Personen in jedem Jahr in Ausbildung an diesem Gericht – Schriftkürzelsprache einsetzen zu mögen und keine eigene Kürzel zu entwickeln. Niemand würde je entziffern können, was festgehalten war, wenn es jemand doch täte und jemand selbst etwas nicht mehr entziffern könne. Faktisch taten alle ausgelernten Personen am Gericht es. Sie hatten aber auch mehr Erfahrung. Was es bedeuten kann, wenn man z.B. eine Strafverhandlung protokolliert hat und kann einen Teil oder sogar mehrere dann nicht mehr lesen, also entziffern, und kann wesentliche Teile dann nicht mehr auf die Schreibmaschine übertragen, so dass es weiter verwertbar ist, weiss wahrscheinlich nur, wer es einmal erlebt hat. Der Leistungsdruck war schon teilweise intensiv.

In der Zeit „wuchs“ ich praktisch hinein in die Realität, dass auch Bomben im Keller z.B. versteckt werden könnten von Personen, die entsprechende Absicht hatten. Ausschau halten nach Plastiktüten, Koffern, allem, was in jedem Raum oder Gang ins Auge fiel, wurde mit zur Gewohnheit, ebenso Evakuierungen des Gerichts – alle MitarbeiterInnen mussten also das Gebäude verlassen bei einigen jedoch seltenen Bombenwarnungen. Gott sei Dank geschah nie etwas, es konnte abgewandt werden. Die Polizei war direkt nebenan.

Mit der Ausbildung konnte man entweder an einem Gericht – Amtsgericht am Besten – arbeiten anschliessend oder aber zur Staatsanwaltschaft oder zur Bewährungshilfe wechseln. Viel mehr Auswahl gab es nicht. Natürlich stand offen, die Mittlere oder dann Höhere Beamtenlaufbahn wählen zu können bzw. auf den Beruf Rechtspfleger/in weiterzulernen, ich meine für weitere zwei Jahre. Das Letzte wäre meine eheste Wahl gewesen.

Direkt nach meiner Ausbildung gab es wegen eines Personalengpasses und Einstellungsstop eine Situation, in der ich in eine Position des Mittleren Beamtendienstes gelangte, die ich mit der Ausbildung eigentlich nicht hätte machen können. Doch es fehlte eine Person, die auf der Geschäftsstelle einspringen konnte für einige Monate, und so kam ich früh in den „Genuss“ einer verantwortungsvollen beruflichen Rolle. Jugendstrafsachen und Führerscheinentzüge gehörten hier zu meinem Aufgabengebiet – hier wurde verwaltet mit teils Kontakt zu relevanten Personen.

Auch wenn die Ausbildung Vieles heute noch Wertvolle mit sich brachte – erfüllend war es nie. Ich hatte mehr Draht zum Künstlerischen, zu Tieren und zur Psychologie, dies speziell. Doch mangels Raum bzw. damals für mich erreichbarer Gelegenheit, etwas in der Richtung lernen zu können – nach der Höheren Handelsschule schon ohnehin auf eine gewisse Richtung festgelegt -, nahm ich zuerst einmal den Weg dieser Ausbildung.

justitia-sehend-oder-blind

Akten lesen, Inhalte schreiben und Einfluss auf eine Person – wie sieht er je aus aufgrund oder infolgedessen jedweder noch so kleinen Entscheidung? … und anderes

Am Meisten interessierte mich der Inhalt der Akten selbst: Welche Entscheidung welcher je beteiligten Person – in Vormundschaft- und Pflegschaftsangelegenheiten, in Strafsachen, in diesen beiden Spektren insbesondere, weil hier intensiv der Weg von Menschen berührt wurde – hatte welche Auswirkung auf die Person „im Zentrum“, auf ihren Werdegang, oder auf Beteiligte wie Familienangehörige, Freunde ect?

Der ethische Aspekt interessierte mich am Meisten, seit jeher. Wie klein unsere Entscheidungen, die wir täglich treffen, auch sein mögen: sie können Leben berühren. Wie jemand Berichte schreibt, von kleinsten Protokollen – und OB sie wirklich originalgetreu sind  – angefangen, über Notizen, die man über Telefonate oder geführte Gespräche in die Akten heftete: Wie sie geschrieben waren: wie klar, neutral, sorgsam und auch achtsam hinsichtlich der Auswirkung hat unter Umständen grosse Bewandtnis und Auswirkung auf einen Werdegang einer oder mehrerer Personen. Besonders gilt dies für die Art jener Darstellungen, in der die persönliche Wahrnehmung und besonders die sei es noch so feine Auslegung (denn Achtung „Wertung“  ist möglich!) von Verhaltensweisen einer Person, mündlichen Äusserungen, von denen man sich fragen sollte, in welchem Kontext sie wie a) dargestellt werden in einer Schilderung und b) tatsächlich stattgefunden haben (mochten), sofern dies ersichtlich oder herausfindbar ist.
Dies geht an Schilderungen von Begegnungen mit je betroffenen – im Mittelpunkt befindlicher – Personen, Einschätzungen bzw. Stellungnahmen aus je beruflicher Rolle wie von RichterInnen, RechtspflegerInnen, ´MitarbeiterInnen in Heimen (psychiatrische Heime, Altersheime, Heime für Kinder oder Jugendliche u.a.), aus Krankenhäusern, Hospizen, Betreuungs-Einrichtungen jedweder Couleur oder auch Gefängnis-MitarbeiterInnen. Denn: Alles, was nicht original wie ein Protokoll von Gesprächen bzw. Verhandlungen – wie ich sie lernte zu erstellen – niedergeschrieben wird und dem deshalb ein gewisser, noch weitgehender Neutralitätsfaktor innewohnt, beherbergt auch stets das Risiko, dass in einer Darlegung selbst einer einminütigen Begegnung je die Sicht persönlicher Wahrnehmung hineinspielen kann seitens der Person, die zu einer Person oder Situation in Bezug auf sie etwas darstellt. Für solche Details interessierte ich mich und noch heute: Es ist wichtig, je herauszufiltern ist im Interesse einer neutralen Sicht, ob und wo genau möglichst weitgehende Klarheit erreicht werden kann, wie es einer Person geistig-seelisch-körperlich und auf ihre Beziehungen bezogen tatsächlich a) ging b) geht und c) eventuell fürderhin ergehen  mag.
Nur dann, und dies setzt gutes, klares Lesenwollen von Akten voraus – was ich nach über 20 Jahren für eine Profession für sich einordne, die aus heutiger, allmählich gereifter Perspektive
a) klaren Geist,
b) den Willen ordnen und die Ordnung im Geist beibehalten zu wollen (und zu können) und
c) als erste Voraussetzung den Willen, dass es einer im Mittelpunkt stehenden Person wirklich zum Besten ergehen möge.

Überall, wo sich Darstellungen finden, von Notizen über Befunde bis hin zu Gutachten von ÄrztInnen, PsychologInnen, SozialpädagogInnen, SozialarbeiterInnen, BewährungshelferInnen, RichterInnen ect., können a) Verzerrungen in der Wahrnehmung UND Wahrnehmbarkeit mitspielen, b) der Wille, etwas verdecken, verfälschen, anders darstellen zu wollen, als etwas wirklich war, ist oder sein könnte, c) Übelwollen (z.B.: In der ehemaligen DDR wurde die Psychiatrie gezielt als Mittel eingesetzt, um Menschen, die politisch unbequem waren, „fertigzumachen“: geistig, seelisch, körperlich, so auch sozial und damit verbunden sicher auch beruflich und finanziell. Dies war ein konkreter Missbrauch von Macht in einer Institution) und d) könnte jemand gerade einen „schlechten Tag“ haben, selbst krank sein, gehindert, die Wahrheit schreiben zu können oder zu wollen (durch Drohungen von aussen beispielsweise), sensationslustig sein, nicht interessiert, neutral eine Person wahrnehmen und bzw. oder darstellen zu wollen (oder zu können, weil sie beispielsweise selbst gern sich ereifert, über andere redet, zuweilen sogar gern andere leiden sieht, ein Beispiel habe ich leider selbst einmal erlebt mit einer Person, die ich daraufhin sofort bei der Geschäftsleitung angezeigt habe, damit sie nicht weiteren Schaden derzeit weitgehend hilflos seienden Personen zufügen könne), sie könnte auch voreingenommen sein, so, dass eine Person aus gewissen Institutionen sicher eher die Wahrheit sagen würden als z.B. eine Person, die straffällig oder sonstwie geistig-seelisch-körperlich oder sozial beeinflusst bzw. belastet sein mag.
Es gibt – leider – viele Möglichkeiten, dass und warum Verzerrungen von Wahrnehmung, Wahrnehmbarkeit und mehr eine einzige Darstellung über eine Person hineingeraten könnten. Deshalb ist ein genaues, neutrales Lesenwollen einer Akte über eine Person, die wenig bis viel Unwahres oder Halbwahres, halb  nur Erfasstes oder Erfassbares enthalten kann bis hin zu Falschdarstellungen, Irrtümern, Fehldiagnosen von Ärzten, Psychologen, jedweden professionell genannten Helfern, Angehörigen, Nachbarn, Freunden ect.

Man muss dazu nicht einmal die Ex-DDR bemühen und die Stasi-Verhältnisse, Denunziationen durch Nachbarn, sogenannte Freunde ect.

Auch dort, wo Klarheit angestrebt wurde und wird, kann sich ein Fehler, eine falsche Wahrnehmung, eine (teil-)irrtümliche Auslegung über ein Verhalten oder So-Sein einer Person einschleichen.

Die ethische und praktische Auseinandersetzung mit der Frage: Was steht in einer Akte, wer hat alles zum Sammeln, zum Darstellen – neutral oder nicht – beigetragen kann grossen Einfluss auf den Werdegang und auch die Art haben, wie dieser Person jetzt und in Zukunft begegnet wird.

An dieser Stelle füge ich einmal ein Erlebnis ein, das ich mehrere Jahre nach der Gerichtszeit hatte, als ich als hellsinnige Person an einer Klinik eingestellt wurde, als Diplom-Sozialpädagogin aber beschäftigt war und mit Wahrnehmung hinter Beschwerden von Patienten schaute, mit je ihrer Einwilligung vorher: Ein Mann hatte seit Jahrzehnten die Diagnose einer „chronischen Schizophrenie“. Ich „sehe“ das Bewusstsein einer Person unmittelbar, ohne dass laut-verbal gesprochen werden braucht. Diese Fähigkeit war durch den damaligen Chefarzt der Klinik(en) vorher 10 Tage „getestet“ worden. So war es möglich erkennen zu können, was bisher die Person umgebende Menschen nicht hatten sehen oder mit äusseren Tests herausfinden konnten: Der Mann hatte klare abstrahierende Fähigkeiten (geistige Fähigkeiten), die man ihm nicht zugetraut hatte und einige Fähigkeiten mehr, die daraufhin getestet wurden – ohne das Sehen wären sie nicht getestet worden, weil man den Mann nicht dafür fähig hielt. Der Arzt, dem ich davon berichtete – er betreute den Mann – sagte: „Wenn er DAS kann, hat er auch keine chronische Schizophrenie.“ Die Fähigkeiten stellten sich als vorhanden heraus, zur Überraschung, und der Mann wurde von da an anders gefördert. Er nahm wieder mehr am Leben teil und kam mehr aus sich heraus. Die Diagnose wurde revidiert. Dies ist ein Beispiel dafür, dass in einer Akte sich über Jahre und Jahrzehnte etwas halten kann, was nicht wahr ist – und das trotz guten aufrichtigen Willens beteiligter diagnosestellender und fördernwollender Personen.

Auch ist es wichtig, die Reihenfolge nach Datum in Bezug auf Darstellung über eine Person zu beachten, notfalls zu sortieren, weil es sein kann, dass jemand über eine grössere Zeitspanne z.B. weder auf- oder straffällig war noch gesundheitliche Probleme hatte. Liest jemand eine Akte jedoch daraufhin, diese „Aussetzer“ finden zu wollen, könnte er den Fehler machen, eins nach dem anderen zu heften und den Eindruck erzeugen, eine Person sei „immer so“.

Es gibt wirklich viele Möglichkeiten, bis hin zur Möglichkeit, dass eine Akte auseindergenommen und dann falsch wieder zusammengeheftet wurde, dass und warum sich ein irrtümlicher, halbwahrer oder falscher Blick in Bezug auf Verhalten oder So-Sein einer Person ergeben könnte.

Jede Wahrnehmung über eine Person hat eine bestimmte Art zu handeln zur Folge, handeln zu wollen, zu können auch oft im Rahmen dessen, was Personen je ermöglichbar erscheint tun zu können oder zu dürfen – und sich einen Eindruck machen zu wollen, beginnt in Krankenhäusern, Heimen ect. oft mit einem Blick in die Akte, besonders wenn eine Person nicht direkt befragt werden kann oder wenig Zeit ist oder genommen wird oder die Person laut-verbal im Sprechen beeinträchtigt ist, oder wenn sie geistig oder anders beeinträchtigt ist.

Es ist klar, dass daran das Leben des Einzelnen hängen kann. Im Mindesten ist die Art, einer Person begreifen und wie sich jemand ihr gegenüber verhalten möchte und meint, es tun zu sollen oder gar zu müssen, von der Klarheit dessen, was in einer Akte über eine Person steht, beeinflussbar.

Hierüber habe ich viel reflektiert, denn mir wurde klar, dass grossen Einfluss hat, was jemand schreibt oder sagt in Bezug auf andere.
Einmal – vor wenigen Jahren  schon nach meiner Zeit der Arbeit am Gericht – erzählte mir eine Richterin, dass oft Nachbarn andere beim sozialpsychiatrischen Dienst angeben würden,  mit denen sie Streit oder Ähnliches haben – sie sind dann nicht krank, werden aber unter Umständen entsprechend dargestellt. Darauf liessen sich etwa 50 Prozent aller Angaben gegenüber dem sozialpsychiatrischen Dienst, in dem Nachbarn zum Beispiel Personen angeben, die ihnen auffällig erscheinen, zurückführen.
Ein anderes Mal erzählte eine Mitarbeiterin einer Hausverwaltung Unwahres über eine Person, die als Mieterin eine Wohnung der Gesellschaft bewohnte. Sie rief beim sozialpsychiatrischen Dienst hat und behauptete unwahre Inhalte, etwas, das die Person gesagt bzw. getan hätte. Der Mitarbeiter, der darüber eine Notiz schrieb – über das Telefonat – schrieb seinerseits diese Notiz für die Akte nicht neutral, sondern griff die falsche Behauptung der Mitarbeiterin, die er unbekannterweise nur aufgrund ihrer Arbeit für neutral, für glaubwürdig, hielt, auf und stellte sie so dar, als sei es die Wahrheit. Er hätte schreiben können. „Frau … rief am … an und sagte …“ Statt dessen schrieb er, Person x (die Mieterin) habe dies und jenes gesagt oder getan – er nahm also die falsche Behauptung und setzte sie darstellungsmässig so um, dass die nicht stattgefundene Äusserung und Handlung wie gesagt und getan wirkte. Auf meine Frage hin, warum er das getan habe – und den Hinweis, dass er eine Verzerrung damit herbeigeführt habe -, sagte er, etwas aufgebracht, sich angegriffen fühlend: „Ich gehe davon aus, dass jemand aus einer Hausverwaltung die Wahrheit sagt.“ – „Oh, guter Mann“, antwortete ich, „ich könnte Ihnen zig Gründen nennen, warum dem nicht so sein muss.“ Man kann sich wünschen, dass alle ehrlich sind, aber ob es so ist, steht auf einem anderen Blatt leider.

Man sieht, es kann an vielen Stellen Anlässe für irrige Wahrnehmung, irrige Annahmen oder Darstellung geben.

Wenn jemand verantwortungsbewusst handeln möchte, ist es nötig, eine Akte – alles darin – so genau zu verfassen, dass es neutral ist, so neutral und originalgetreu wie möglich und nur sehr gute Notizen ect. verfasst. Dieser Mitarbeiter des sozialpsychiatrischen Dienstes war Sozialpädagoge, und wie so oft, das bemerkte ich auch im Studium – wozu meine Ausbildung zur Justizangestellten und das Lernen, möglichst originalgetreue und klare Protokolle, Notizen ect. zu verfassen und nicht die geringste Abweichung zuzulassen -, dachte ich, dass diese Fähigkeit, wie man richtig Protokolle verfasst, im Studium zur Sozialpädagogik eindeutig zu kurz komme. Ich halte es für nötig, daraus eine eigene Lehreinheit über mindestens zwei oder drei Wochenenden zu machen, um den Menschen zu zeigen: SO gross ist Eure Einflussmöglichkeit. Dies und jenes kann geschehen, wenn Ihr nicht genau protokolliert – und andere haben Nachteile davon, handfest.

* * *

Zurück in die Zeit meiner Ausbildung zur Justizangestellten. Ich hoffe, es wird klar, dass ich versuche, die Nötigkeit der Klarheit des Verfassens jeglichen Inhalts, der in eine Akte kommt, des genauen Führens und des Ordnung-Beibehaltens herausstellen zu wollen. Ich bin selbst nicht besonders penibel – aber hier ist es nötig im Interesse des höchstbesten Wohles einer jedweden Person, die Mittelpunkt einer Akte ist, genau zu sein: genau zu schreiben, genau zu lesen und genau jedwede Art von etwaiger Zusammenfassung schreiben zu wollen, über die man vielleicht Inhalte subsummieren muss. Umsichtiges, weitsichtiges Handeln ist nötig. Und immer wieder: Zu versuchen, sich der Folgen einer Handlung, die man vorhat oder realisiert, wie mit einem Bericht für eine Akte, sich so tiefdurchdringend wie möglich bewusst zu sein. Bei Polizisten, Sozialpädagogen, eigentlich bei – im Wesen – allen Personen, die von vorherein in ihren Berufen gearbeitet hatten, ohne den Blick von mehreren Seiten auf Personen perspektivisch, wie durch andere Tätigkeiten, zu lenken, fiel und fällt mir besonders auf, dass ein Blick dafür oft nicht da ist, welche Auswirkung eine einzige unsachliche, ungenaue oder wertende Darstellung über eine Person haben könnte – und das kann sie noch nach Jahren oder Jahrzehnten!
Die Sensibilität dafür, welche Auswirkung eine Darstellung im negativen, also belastenden Sinn für eine Person unter Umständen erreichen kann – eventuell im Verbund mit anderen – mangelt der Erfahrung nach leider oft. Unachtsam wird zuweilen einfach formuliert, ohne auf die – etwaigen – Folgen zu achten.
Folgende Fragen wären meiner Erfahrung nach gut sich zu stellen, bevor man etwas schreibt bzw. bevor man etwas einer Akte hinzufügen möchte:
1. Wer wird dies alles lesen: jetzt und später? Wie lang, zu welchem Zweck, existiert diese Akte? Kann es sein, dass etwas, das ich geschrieben habe, in eine weitere Akte auch nach Schliessen dieser Akte hier gelangen könnte? (Das wissen manche Personen nicht.)
2. Was wird jedwede Person aus ihrem jeweiligen beruflichen KnowHow denken, wenn sie meine Eintragung sieht?
3. Ist eine Aufzeichnung neutral, enthält alle Angaben (Name der Person, um die es geht, Aktenzeichen, wenn vorhanden; Wer hat wann was gesagt, wann angerufen oder war persönlich da zum Vorsprechen (Datum, Uhrzeit, Namen der Beteiligten, Inhalt des Gesprächs, Postulate oder bereits Bewiesenes, dann möglichst mit Nachweis, sonst als Postulat formulieren, bitte). Unterschrift und  Berufsbezeichnung, damit man erkennt, wer jede Notiz, jedes Protokoll geschrieben hat. Nicht nur eine Aktennotiz irgendwo anheften bitte, sie kann abgehen oder jemand anderem zugeordnet werden – auch in eine falsche Akte gelangen. Ein Stempel der Dienststelle wäre auch hilfreich. – Wir haben früher am Gericht alles gestempelt, selbst eine einfache Aktennotiz, auch wenn es nicht sein brauchte (es war dabei nicht vorgeschrieben, nur dass alle Angaben, die ich aufgelistet habe, enthalten sind).

Vielleicht hilft es der einen oder anderen Person sich zu orientieren, was in einer Akte alles gerade- oder auch schieflaufen kann. Leider führt nicht nur eine Person die Akte, sondern wechselnde meist im Lauf der Zeit. Als ich damals eine Geschäftsstelle führte, war das In-Ordnung-Halten von Akteninhalten, wenn sie zwischenzeitlich woanders hingegangen waren – verschickt wie an die Staatsanwaltschaft zum Beispiel oder innerhalb des Gerichts unterwegs – eine Aufgabe: Wer hat was hinzugefügt, ist alles vollständig von den Inhalten her, richtig in der Reihenfolge, nichts, was herausfallen kann ect.? Der Blick hat sich dafür sensibilisiert.
Wenn man bedenkt, dass ein Leben davon abhängen könnte, schnell die richtigen Infos erhalten zu können, wie bei einer Gesundheitsakte oder auch für Anhörungen, Verhandlungen ect., wird deutlich, wie wichtig es ist, dass alles vollständig und am richtigen Platz ist.

Es hat mir geholfen, Akten aus verschiedenen beruflichen Perspektiven lesen zu  können, wobei je ein etwas anderer Blick und Erfahrung möglich wurde, dass und welche Auswirkung  je eine Darstellung auf andere – MitarbeiterInnen im helfenden Bereich meist – haben konnte:
– als Mitarbeiterin an Gerichten, damit verbunden reflektierende Gespräche mit Richtern und Rechtspflegern über gerichtliche Entscheidungen
– als Diplom-Sozialpädagogin im Heimbereich, in einer psychiatrischen Tagesklinik,  der beruflichen Qualifizierung, in der auch psychosozial orientierte sowie Arbeitsamt-Berichte, ärztliche Atteste, Gutachten ect. Bestandteil in Akten waren, in zwei Praktika im Studium
– als Heilerin in Arzt- oder Heilpraktiker-Praxis

Es geht nichts über den persönlichen Eindruck, ein Kennenlernen einer Person, hat sich herauskristallisiert. In einer Akte ist schwer erkennbar zuweilen, unter zuweilen mehreren Eindrücken mehrerer, zuweilen vieler Personen auch im Lauf von Jahren oder Jahrzehnten, was eine im Mittelpunkt stehende Person wirklich möchte, wie sie ist, was sie bewegt, wie es mit der Auffassung, der Ethik, der Intelligenz bestellt ist. Warmherzige empathische Begegnung war noch immer das Intensivste, Klarste. Ich habe oft Wiederholungen und eventuelle Übernahmen von vorherigen Inhalten in andere Berichte erlebt – oder es war fraglich, ob etwas einfach übernommen und somit als Inhalt weitergetragen wurde. So kann man auch Meinung, Ansicht, scheinbares – oder tatsächliches teilweises oder ganzes? – Vorhandensein eines Befindens, einer Verhaltensart ect. konzipieren. Wer etwas an einer Akte macht, noch einmal neu mit klarer Absicht ordnen zu wollen: zeitlich, Reihenfolge, Inhalt- das ist unerlässlich. Jedoch habe ich erlebt, dass z.B. Mitarbeiter eine Akte nur schnell „querlasen“, einige Inhalte kurz lasen, sie sofort für wahr nahmen – es steht ja dort – und dann aufgrunddessen agierten. Ich finde es unverantwortlich, so etwas zu tun, auch wenn wenig Zeit sein sollte. Es reicht oft nicht, einem Menschen wirklich gerecht werden zu können – hier handelte es sich stets um Menschen. Beispiel: wenn jemand vor 30 Jahren von einem Arzt einen Befundbericht erhalten hat, in dem das Wort „Psychose“ erwähnt wird, reicht es nicht, die Akte zuzuklappen und zu meinen, nun sei die letzte Wahrheit – nach heutigem Stand und nach etwaiger Entwicklung, eventuell auch nach Sich-Herausstellen eines Irrtums, eines zu kurzen Blicks – erfahren. Deshalb schreibe ich so viel über die „Kunst, eine Akte zu lesen oder etwas für eine Akte zu schreiben“ – es erfordert Einfühlungsvermögen, den Blick ändern zu wollen auf Perspektiven anderer, die, sei es eventuell, einen Eintrag einmal lesen werden, ob jetzt oder in 20 Jahren. Die Aufbewahrungspflicht für die meisten Akten, die mir bekannt ist, ist 10 Jahre. Ob es wirklich so ist oder Akten oder ein Teil dessen länger aufbewahrt wird, gerade im „Zeitalter der Digitalisierung“, wo Daten noch schneller konserviert und auch zugänglich gemacht werden können, ein Knopfdruck reicht, ist doch im Grunde allerorten fraglich.
Wenn zum Beispiel gesagt wird, dass – nur als Beispiel – im sozialpsychiatrischen Dienst die Akten dann und dann vernichtet werden, ist heute eine Digitalisierung vorhanden, zumindest partiell erwartbar. Oder in einer Betreuungsabteilung in einem Gericht. Wer weiss, ich möchte sagen „aber“, ob sich nicht die Krankenkassen, Versicherungen wie die Rentenversicherung oder andere Stellen für Inhalte, für bereits Erledigtes interessieren – etwas, das vom äusseren Prozedere her erledigt ist, um eine gesundheitliche bzw. persönliche Entwicklung so nachhaltig erfassen zu wollen, wie irgend ermöglichbar? – Und wenn nicht: Geht es immer sachlich zu? Ohne Korruption?
Es ist nur eine persönliche Ansicht: Ich würde mich nicht darauf verlassen, dass etwas vernichtet wird – ohne Digitalisierung und dass die Daten auch immer dort bleiben, wo sie sein sollten. Es ist eben,  neben offiziell erlaubten Wegen, leider eine Tatsache: Menschen sind fehlbar. Sie können Schwächen haben, Daten verkaufen wollen, anderen zukommen lassen – selbst vielleicht geistig nicht ganz gesund sein, was nicht immer sofort auffallen muss und anderes. Es kann leider etliche Gründe geben, dass und warum Daten, die nicht in andere Hände gehören, doch woanders hingelangen.
Und auch der offizielle Weg reicht schon, um Daten zu einer Sammlung zusammenstellen zu können, die ein je anderes Bild einer Person erzeugen zu können, das mit der heute lebenden Person nur wenig gemeinsam haben mag – weil ein Thema erledigt ist, weil sich Einstellung, Verhalten ändern kann, selbst unter Umständen etwas, das sich lang gehalten haben mag und mehr.

Besonders, wenn Personen in eine mehr oder weniger hilflose Position kommen: wenn sie zum Beispiel pflegebedürftig werden, krank, behindert: Gerade dann sammeln sich zuweilen Berichte von mehreren Seiten und also Beteiligten zu einem Konglomerat – unter Umständen können „Beiträge“ Jahre oder Jahrzehnte alt sein. Die Vorgeschichte einer Person könnte dazu beitragen, so oder so gelesen zu werden – und eine entsprechende Handlung zur Folge zu haben. Welcher Qualität, von welcher Auswirkung für die Person, wird sie sein?

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Wie wirst DU handeln, wie wirst DU eine Akte (dann) lesen? Oder „Sie“? Wird warme, liebevolle, aufrichtig um das höchste Wohl einer Person bemühte Fürsorge folgen? Der Wille, stets Klarheit in Bezug auf sie und Neutralität in Bezug auf etwaige Akte(n) walten lassen zu wollen? Einzuräumen, dass es Fehler geben kann? Verzerrungen? Lücken? – Auch sie können Tücken haben, Raum für Fehlerquellen ermöglichen.

Als ich im Studium in einem Heim für seelisch und geistig behinderte Personen arbeitete, hatte ich mehrfach Befunde gelesen von einer Ärztin für Neurologie, bei der sich für meine Wahrnehmung herauskristallisierte, dass sie selbst nicht viel von genauer und neutraler Darstellung halte. Wenn Bewohnerinnen aus diesem Heim zu ihr gingen, kamen sie nach kurzer Zeit  mit neuen Medikamenten wieder – und in einer so kurzen Zeit kann sich jemand unmöglich ein genaues Bild von dem machen, postuliere ich, was Kern eines Problems sei. Kurz, uns MitarbeiterInnen kam es so vor, als würden einige der ÄrztInnen, jene inbegriffen, die Bewohnerinnen des Heims einfach kurz „abspeisen“ wollen – gib ihnen eine andere Pille, und gut ist es. Es kostet schon grosse Mühe, dagegen etwas tun zu wollen und in die Tat umzusetzen – denn viele Praxen sind zudem von Patienten überlaufen, und BewohnerInnen von Heimen wird manchmal in Erfahrenheit nicht unbedingt mit Sachlichkeit begegnet. Gott sei Dank gibt es auch Personen, die es anders halten – ihnen liegt das Wohl der Personen wirklich am Herzen.

Man sieht: Wenn man so einen Befundbericht einer Ärztin liest, die sich wenig Mühe geben mag, ist er mit Vorsicht zu geniessen – zu lesen. Wie glaubwürdig, wie stichhaltig, ist so ein Befundbericht in dem „Licht“? Leider ist eine weiterverbreitete Neigung, Schriftstücken von Ärzten und Psychologen das grösste Augenmerk zu schenken und den Inhalt zu glauben, ohne nähere Prüfung oder ohne dass solche ermöglichbar ist, zu sehen gewesen. Oft habe ich jedoch erlebt, dass von etlichen Befundberichten nicht ein einziger vollständig richtig war  – es waren Beschwerden anders dargestellt, als die Person sie hatte oder anderes. Deshalb: der Blick mit Willen, ehrlich zu sein, ist nötig IN der Begegnung mit einer Person, um herausfinden zu wollen, was sie wirklich denkt, möchte, fühlt, erreichen (können) möchte – alles, was im Einzelfall gerade relevant ist. Vielleicht kommt jemand zu einem  (gänzlich?) anderen Eindruck über eine Person, als eine selbst dicke Akte je an „Auskunft“ geben kann. Ich halte es mit einem befreundeten Arzt, er sagte: aus einem Blutbild, den Ergebnissen kann man zunächst gar nicht sehen. Man kann nur Ableitungen treffen. Man kann die Ergebnisse nicht lesen wie ein Kochbuch. Man muss wie ein Sherlock Holmes sein, der Querverbindungen zu anderen, eventuell vorher bestehenden Resultaten herstellen möchte – und kann. Beides.
So ist es auch, und das meine ich hier in diesem Zusammenhang, mit Inhalten in Akten. Sie können durch die Sicht mehrerer Personen zustandekommen sein, die nicht immer ganz oder überhaupt richtig sein muss. Ein guter Teil mag stimmen – aber viel in Akten ist ausgelegt worden durch die Wahrnehmung und Interpretation anderer Personen, die die Person nicht unbedingt kennen. Daher: nicht alles zu glauben, was „geschrieben steht“, und wenn der Papst ein Gutachten geschrieben hätte, ist elementar – und sich selbst ein Bild von jemandem machen zu wollen.

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Kurzum: Wachheit ist alles. Wenn man für andere erreichen möchte, dass die höchstbesten Umstände einkehren, kommt man um geistige und praktische Genauigkeit, genaues Prüfen und Hinsehen, nicht umhin. Ich wünschte, dass mehr solcher Inhalte in den Ausbildungen und Studiengängen gerade helfender und lehrender Berufe gelehrt würden. Letztlich gehören dazu auch die richterlichen und (staats)anwältischen Berufsgruppen.

So verbrachte ich am Gericht einen Gutteil der verbleibenden Zeit damit, Akten genau zu studieren und herauszufinden, wie es einer Person tatsächlich gehe – und wer mit welcher (richterlichen, rechtspflegerischen), ärztlichen, psychologischen, sozialpädagogischen, sozialarbeiterischen, bewährungshelferischen Entscheidung welchen Einfluss auf eine Person bzw. ihren Werdegang einschliesslich ihres Umfeldes genommen hatte oder genommen haben mochte. Daraus wurde ein Interesse, das sich in allen Sparten fortsetzte, in denen ich je arbeitete.

Ich war dessen eingedenk, ich glaube, nein, ich weiss, dass meine Anlagen zu „sehen“ – hellsinnig seit frühster Kindheit zu sein und viele innere Vorgänge in anderen erfühlt und „gesehen“ zu haben und wie sie sich fühlten aufgrund verschiedendster Ereignisse, sicher zu dieser Sorgsamkeit, dem Willen zu Achtsamkeit und Obhutnehmenwollen, über jedes Leben im Grunde, zu tun hat.

So erlebte ich auch am Gericht – auch unabhängig davon – alle Personen, die mir begegneten, immer „von innen“ her, nicht von aussen: Ich war zuerst ihrer seelischen und geistigen, manchmal körperlichen Verfassung gewahr, dem, was jemanden innerlich bewegte, ob es KollegInnen jedweder beruflichen „Rang“-Ordnung waren oder ins Gericht kommende Personen – oder Menschen, die ich später beraten habe, Seminare und Schulungen gab, Einzel-, Paar- und Familientermine.  (Hierzu mehr in je relevanten Rubriken unter „Christine als…“) Immer berührten mich die Personen mit ihrem Innern zuerst – ich „las“ ihre Seele gewissermassen, und oft kamen sie und begannen Gespräche. Immer waren sie berührend, respektvoll, und wir sprachen über Wichtiges.

Ich las so seit der Gerichtszeit viele Akten, auch später im Gesundheits- und Bildungsbereich als Diplom-Sozialpädagogin & – Sozialarbeiterin (FH), die ich durch Studium bis 2001 bzw. mit staatlicher Anerkennung bis 2003 später wurde, ebenfalls später in meiner Rolle als Heilerin in einer Heil- und in einer Arztpraxis.
Sehr, sehr umsichtig Entscheidungen zu treffen, weil jede Einfluss auf den Lebensweg anderer haben kann, sei sie noch so klein oder gross, wurde zum sensibilisierten und Mittelpunkt von Interesse. Akten sehr gründlich zu lesen, längst nicht alle Befunde oder Einschätzungen, egal von wem sie kommen, zu glauben, sondern zu versuchen, je das Wahre wirklich herauszufinden, vor allem, den Menschen richtig wahrzunehmen – sei es in der persönlichen Begegnung, die damals oft fehlte -, wurde zum erkannten Wichtigen.

Ich denke, es war von Vorteil, aus so verschiedenen Positionen Menschen und auch Aufzeichnungen über sie erlebt zu haben. Denn leider habe ich auch „Kurz-Querleser“ von Akten erlebt, in der Befunde, Einschätzungen über Personen ect. enthalten waren – im Gesundheitsbereich – und aufgrund eines nicht wirklich guten Hinschauens Fehler, was dann wiederum einer Person, die Hilfe brauchte, nicht zum Vorteil gereichte.

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Eindrücke von meiner Zeit am Gericht – sich stark fühlen – schwach fühlen? Die Abhängigkeit der Position und des inneren Blicks:

Hängengeblieben ist von meiner Ausbildung Folgendes: Vieles, das ich so nicht erwähnen kann oder möchte – und auch, dass man sich, wenn man auf einer „Seite“ lernt wie an einer Behörde, stark fühlen kann. Ich habe aber viele Menschen gesehen, die Meisten, die ins Gericht als „Kunden“ oder „Klienten“ – Betroffene – kamen mit viel Angst und Befremden gegenüber MitarbeiterInnen. Das tat mir je sehr leid. Ich habe versucht, die Spannungen zu nehmen, Ängste zu beruhigen, auf die Menschen freundlich, warmherzig und bemüht zuzugehen. Es ist offenbar eine Prägung, in so einem Umfeld eine (erste) Ausbildung erlebt zu haben: Nichts an einer Behörde jeder Art kommt mir je fremd vor, alles wirkt seither immer vertraut, die Personen, die dort arbeiten – man hört mit einem anderen, auch für die Privatnöte anderer sensiblen „Ohr“ hin. Ich habe sehr nette und bemühte Personen am Gericht kennenlernen können, es entstand auch Freundschaft mit einigen.
Für mich war es derzeit fast selbstverständlich, dass im Keller des Gerichts ein Jugendgefängnis war. Wenn wir Freitags nachmittags Feierabend hatten, wurde der Jugendarrest fürs Wochenende vorbereitet. Wenn wir Wochenende hatten, sassen Jugendliche, die sich etwas gesetzlich hatten zuschulden kommen lassen und dafür gerichtlich verurteilt waren, in den Gefängniszellen ein bis sonntagsabends. Wenn wir montags wieder zur Arbeit kamen, waren die Zellen je immer wieder leer.
Seltsam, wenn ich zurückschaue, wie selbstverständlich es mir vorkam – weil ich es nicht anders kannte, genau wie Bombendrohungen und das Risiko zu haben, als gerichtliche Mitarbeiterin jeden Tag potentiell Opfer einer Gewalttat, eines Anschlages auf alle oder Einzelne werden zu können.

Ich glaube, was man so „selbstverständlich“ erlebt von der Pike auf in so jungen Jahren, wird nicht unbedingt hinterfragt – was geschieht hier gerade genau? Kann ich es auch „von oben“ – aus einer Meta-Perspektive – sehen? Bejahe ich, Teil dieses Systems zu sein? Handeln wir als Gerichtsmitarbeiter, jeder einzeln und als gemeinsames Konglomerat „recht“? Immer?
Jugendarrest, Bombendrohungen ect. fanden statt in einer Atmosphäre, in der wir alle unser berufliches und privates Leben (weiter)hatten und zu füllen versuchten, berufliche und persönliche Fragen, Nöte und zuweilen Ängste hegten – Alltag. Meine Zeit am Gericht, an dem ich die Ausbildung absolvierte, fiel auch in eine Zeit, die sich über den 17.01.1991 erstreckte. An diesem Datum geschah etwas Elementares im Hinblick auf den „Golfkrieg“ – Ölfelder hätten gebrannt, über Wochen, würde sich alles auch nach hier ausweiten, verlagern können?
Ich habe, glaube ich, noch nie soviel Angst ausgestanden wie in dieser Zeit, dass sich Krieg nach hierher ausweiten könnte. Vor Wochen war erneut das Gericht evakuiert worden wegen einer Bombendrohung. Den Grund für sie, diesmal mit einem (wenigstens) bekanntgewordenen Grund, möchte ich aus Datenschutzgründen – Dienstgeheimnis gilt auch nach Austritt bzw. Beendigung eines Dienstverhältnisses weiter – nicht nennen.

Komme ich heute in ein Gericht, eine Polizeiwache oder in eine andere Behörde bzw. in ein Amt, ist sofort ein heimeliges Erinnern da an meine Ausbildung und Zeit am Gericht – Freude ist im Grunde immer irgendwo im Hintergrund.
Es fühlt sich vertraut an – hineingewachsen in frühen Jahren, das ist offenbar etwas sehr Prägendes. Sofort zieht es mich „magisch“ und schalkhaft zu den Wachtmeistern: Sie sind die Ersten, mit denen eine Person in Kontakt kommt beim Betreten eines Gerichts. Sie wachen, wer hineinkommt, machen die Durchsuchungen, wissen viel.
Scherze mit den Wachtmeistern jeden Morgen, ein wenig foppen, gefoppt werden…
„Hallo …, wie geht´s? Ist was Besonderes? Bombendrohung? Nein, oh gut! Kommst Du gleich auf einen Tee hoch?“ – So oder ähnlich erinnere ich die Begrüssung an einen oder mehrere Wachtmeister unten im Gericht. Mit ihnen hatten wir viel zu tun, fast täglich. Längere Zeit war ich schon nicht mehr dort – ich wohne weit entfernt. Wenn ich dort wieder einmal zu Besuch hingehe und alte KollegInnen begrüsse, die dort noch arbeiten, werde ich mich wieder fühlen, als sei Weihnachten – ein besonderer Anlass.
Ich glaube, wie und ob man sich geborgen fühlt in einer Ausbildung, im Umfeld, ist von Bedeutung. Wenngleich es nicht  mein Traumjob war, machte ich ihn dennoch und bis zuende und darüberhinaus und fühlte mich oft recht wohl. Wie wohl oft fühlt man sich mit einigen Personen eher verbunden als mit anderen, und daraus resultiert auch eine Gruppengestaltung, Zusammengehörigkeitsempfinden und mehr. Besonders möchte ich nachträglich danken Georg und seiner Kollegin aus der Rechtspflege für unsere wunderbaren Gespräche und liebevoll-aufmunternde Präsenz. Gerade in der Zeit, als ich die Geschäftsstelle innehatte, riefen sie oft an, um zu fragen, ob ich etwas brauche – einfach nett -, oder wir gingen in die Kantine.

Man erinnert vielleicht unterbewusst auch die vielen lieben Gespräche mit KollegInnen, FreundInnen – meine damals beste Freundin machte mir mir zusammen die Ausbildung -, erinnert, wie es war, wenn man zusammen in der Kantine oder im Büro mit einem heissen Tee und beim Frühstück oder Mittagessen zusammensass, hinaus in den Park ging, die Fast-KollegInnen von der naheliegenden Polizei begrüsste, die im Gericht oft ein- und ausgingen, so Vieles, von dem eine hiermit nicht vertraute Person einen steifen, strengen Eindruck haben mag, wurde dabei nivelliert. Es macht keine Angst. Zudem arbeitete einer der besten Freunde meines Vaters als ein leitender Kommissar bei der Polizei – eine seiner Töchter war meine Freudin -, ein lieber Onkel leitete eine Kreispolizeistation in einem anderen Ort, ein Nachbar im Haus ebenso an einem noch anderen Ort… Und alle verstanden sich. Man besprach Privates, kam zusammen, lachte, herzte sich, hielt zusammen – mein Ausbilder war recht gut mit meiner Mutter bekannt… Alles war irgendwie persönlich(er), viel eher, als ich es erlebte, als ich 1991 nach Kiel zog.
In einer Gross-Stadt ist auch Manches persönlich, wenn man es dahin entwickeln lässt. Sonst geht aber auch Vieles unter. Dennoch, trotz Gross-Stadt-Kunde seit 1992, habe ich eines immer irgendwie mitgenommen: Das warme, vertraute, fast familiäre Gefühl von Berufsgruppen untereinander, von Personen, die in den Berufen arbeiten, die auch – meist – verwaltend tätig sind, ihre Auch-Nöte zuweilen – alles eben, was man erfahren mag, wenn man nicht ganz blind aneinander vorbeilebt und -arbeitet.

Eine Gefahr – oder Erfahrung – sehe ich allerdings hierin: Ich denke, dass viele Personen, mich inbegriffen, den Blick für „Richtlinien“, Gesetzen und ihrer wirklichen ethischen Richtigkeit über das Ausgefülltsein mit dem persönlich zu bewältigenden Pensum im Job vergessen oder gar nicht oder zuwenig beachten. „Die Justiz“ ist gut, wenn … KollegInnen nett sind? Der Kaffee gut ist? – Ich habe viele Personen kennenlernen dürfen mit aufrichtigem Bemühen in ihrem Job, eigentlich nur. Diese Menschen erfüllen ihre Berufsbereiche, sind Teil einer grösseren Verwaltung, eines Kopfes, der denkt – lenkt. Ist dieser Kopf „gut“?
Den Ablauf, die Struktur in der Verwaltung, im Gericht und dass und wie gut alles wirklich toll funktioniert, wenn jede Person das macht, was ihre Aufgabe ist, fand ich toll. Es machte diesbezüglich sogar Freude, dort zu arbeiten.

Die Frage ist: Ist das, was die Justiz als ein „Arm“ der Judikative ausübt – jede Verwaltung in Deutschland und andernorts im Grunde – und was oder wer von oben Richtlinien, Gesetze erlässt, „gut“ im Einzelfall? Wie möchte oder kann jemand – dort als Mitarbeiter/in tätig oder auch nich – es richtig erfahren?
Ich meine, dass es die Meisten weder wissen und der grösste Teil der Mitarbeiter, so jedenfalls meine kleine Erfahrung, auch nicht fragen. Die Meisten sind zu sehr mit ihren eigenen Arbeitsbereichen befasst – das, was gesehen, wahrgenommen wird, IST gut. Das meine ich. Worum es geht ist die Gesetzgebung an sich: Kann der Bürger, der Mitarbeiter, weiblich oder männlich, überschauen, ob sie oder er für eine „gute“ Apparatur an Behörde, an Verwaltung, tätig ist?
Wenn das gut ist, ethisch womöglich in Ordnung, was man gerade in seinem kleinen Arbeitsbereich macht oder sieht, ist es eine Sache. Es heisst nicht, dass alles oder „das Ganze“ gut ist.

Ich denke gerade an Mitarbeiter an einer Behörde in der Nazi-Zeit, Adolf Eichmann zum Beispiel – im Zusammenhang mit dem Prozess gegen ihn, das mit einem Todesurteil in den sechziger Jahre endete, ich meine in Jerusalem. Er hat Deportationszüge organisiert, oft vom Schreibtisch aus, und bei der Verhandlung noch hat er sich stantepede darin verbissen, er sei  nur seiner Aufgabe nachgekommen – er habe ja einen Befehl gehabt, dem habe er sich ja nicht widersetzen können. Es lohnt sich, Aufnahmen vom Prozess zu schauen, wie über youtube, auch in einer filmischen Biographie über Hannah Arendt, wie im Film „Hannah Arendt“, ist er Bestandteil. Das ist der Punkt: Solang etwas, das „von oben“ kommt an Erlässen, etisch vertretbar ist, ist eine gut funktionierende Behörde sicher wunderbar – alle MitarbeiterInnen seien gelobt und geherzt für ihre Aufgaben und sie zu erfüllen. Wenn anderes als ethisch Vertretbares „von oben“ – aus politischen Gremien erfolgt, ist Achtung angesagt. Wer macht dann mit? Wer vertritt jetzt und laufend etwas, das ethisch zum höchsten Wohl für je Betroffene ist?

Es ist eine wirkliche Herausforderung zuweilen, erkenen zu können, worin man sich bewegt – ist es ethisch gut, richtig, rein, vertretbar also?
Eine wichtige Frage, die man nie aufhören sollte zu stellen, ist meine Ansicht.

Zusammen sehen wir klar!
Jede Person hat eine Justitia in sich – waltet Gerechtigkeit? Würde jeder sich stetig innerlich prüfen… Zusammen sehen wir klar!