Spirituelle Erfahrungen aus neurosychologischer Sicht
Einen wissenschaftlichen Hintergrund für die von vielen Autoren beschriebene emotionale Eindrücklichkeit und einschneidende Erlebnisdimension sensitiver Erfahrungen (Greenwell 2000; Grof 1991; Romme/Escher 1997; Bragdon 1991; Murphy 1992; Orloff 1997) könnten möglicherweise neuere neurologische Forschungsergebnisse bieten, nach denen Aktivitäten in den Temporallappen des Gehirns u. a. mit sensitivem Erleben in Verbindung gebracht werden. Der Neuropsychologe Michael Persinger in den frühen 60er Jahren und 1997 der Neurologe Vilayanur Ramachandran nahmen ein “eingebautes spirituelles Zentrum” im Gehirn an. Ramachandran vermutete es “unter neuronalen Verbindungen in den Temporallappen des Gehirns.” Diese befinden sich direkt hinter der Schläfe. “Auf Bildern, die mit Hilfe der Positronen-Emissionstomographie (PET) erzeugt werden, flackern diese Gebiete auf, sobald die Versuchspersonen einer Erörterung spiritueller oder religiöser Themen ausgesetzt sind.” Die aufgespürte Stelle wurde God Spot (“Gottesfleck”) genannt. Man fand heraus, daß die Reaktionen je nach Kultur schwanken, daß westliche Menschen mehr auf die Erwähnung “Gott” ansprechen, andere auf Symbole, die ihrer Tradition eher entsprechen. Die Aktivität in den Temporallappen wurde seit Jahren mit den mystischen Visionen von Epileptikern und LSD-Konsumenten in Verbindung gebracht. (vgl. Zohar/Marshall 2000, S. 20) Die gleiche Aktivitität in den vorderen Schläfenlappen stellte man bei der Untersuchung von Stimmhörenden mittels EEG- und PET-Messungen fest. (vgl. Strathenwert/Bock 1999, S. 28-33)
Ramachandran zeigte als Erster, daß die Aktivität auch bei Menschen ohne gesundheitliche bzw. psychische Probleme vorhanden ist. (vgl. Zohar/Marshall 2000, S. 20-21)
Dr. Persinger wollte kontrollierte Bedingungen für die Forschung schaffen und entdeckte, daß sich das Gewebe in den Temporallappen künstlich mit Magnetfeldaktivität stimulieren läßt. Die Wirkung nach einem Selbstversuch beschrieb er (als nicht-religiöser Mensch) als eine “Schau Gottes”. In der großen Mehrheit der Fälle ruft eine Stimulierung unterschiedliche Arten mystischer Erfahrungen bzw. sensitives Erleben hervor. (vgl. ebd., S. 106-107)
Zu sensitivem bzw. spirituellem Erleben und Eindrücklichkeit der Erfahrungen in Erinnerung und Gefühlen heißt es: “Die Temporallappen hängen eng mit dem limbischen System, dem Emotions- und Gedächtniszentrum des Gehirns, zusammen. Zwei entscheidende Bestandteile des limbischen Systems sind der Mandelkern (Amygdala), eine kleine mandelförmige Struktur in der Mitte des limbischen Systems, und der Hippocampus, der für das Aufzeichnen von Erfahrungen im Gedächtnis eine wesentliche Rolle spielt.” Bei Stimulation der Emotionszentren kommt es nach Persingers Untersuchungen zu gesteigerter Temporallappenaktivität. Umgekehrt wirkt eine erhöhte Aktivität in den Temporallappen stark auf die Emotionen. So können Erfahrungen mit Sensitivität, selbst wenn sie nur einmalig sein sollten, einen bedeutenden und anhaltenden Einfluß auf das Leben haben. Sie werden oft als ´das Leben transformierend´ beschrieben. Warum eine gleichhohe Aktivität in den Temporallappen bei einem Menschen eine Form der Epilepsie, d. h. Krankheit bewirkt und den anderen zu bewußtseinserweiternden Erfahrungen führt, ist ungeklärt. Möglicherweise lassen sich die Temporallappen als “Torwächter der Wahrnehmung” bezeichnen. (vgl. ebd., S. 108-109).
Bragdon, Emma – Spirituelle Krisen, Freiburg 1991Greenwell, Bonnie – Kundalini: Erfahrungen mit der geheimnisvollen Urkraft der Erleuchtung, Bergisch Gladbach 2000
Grof, Christina und Stanislav – Die stürmische Suche nach dem Selbst, München 1991
Murphy, Michael – Der Quantenmensch: Ein Blick in die Entfaltung des menschlichen Potentials im 21. Jahrhundert, Bern/München/Wien 1989
Orloff, Judith – Jenseits der Angst, München 1999
Romme, Marius und Escher, Sandra – Stimmenhören akzeptieren, Bonn 1997
Stratenwerth, Irene und Bock, Thomas – Stimmen hören: Botschaften aus der inneren Welt, München 1999
Zohar, Danah und Marshall, Ian – SQ – Spirituelle Intelligenz, Bern München Wien 2000
